Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V.

Online-Videosprechstunde: SpiFa sieht Einführung durch schlechte Rahmenbedingungen gefährdet

Mit der Einführung der so genannten Online-Video-Sprechstunde (OVS) soll ab 1. Juli 2017 eigentlich eine neue Zeitrechnung in der medizinischen Versorgung starten. Auf die technischen Voraussetzungen hatten sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband bereits Ende November 2016 geeinigt. Nun haben sich die beiden Organe auch auf die entsprechende Vergütungsregelung geeinigt, nach der Hausärzte, Dermatologen, Augenärzten, Chirurgen, Orthopäden und Pädiater die OVS-Leistungen abrechnen können. Erstmals wird eine telemedizinische Leistung in die Regelversorgung aufgenommen – auch um dem wachsenden Ärztemangel in vielen ländlichen Regionen zu begegnen. Doch die Konditionen, zu denen dieses neue Angebot nun in den Pflichtleistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen wurde, werden nach Auffassung des Spitzenverbandes Fachärzte (SpiFa) dazu führen, dass dem Großteil der Patienten eine OVS vorenthalten bleibt. Die Rahmenbedingungen stünden der praktischen Umsetzung im Wege und schlössen nur einen Teil der Patienten ein.

So kritisierte Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Deutschland: „Die neuen EBM-Ziffern für die Videosprechstunde werden mit lediglich 4,21 Euro für die Technik und 9,27 Euro für den Patientenkontakt vergütet – allerdings nur, wenn im gleichen Quartal kein Patientenkontakt stattgefunden hat und dieser Patient in den beiden Vorquartalen in der Praxis war. Beide Ziffern sind zudem auf 800 Euro pro Jahr begrenzt. Müsste der Patient trotz Videostunde in die Praxis einbestellt werden, können Ärzte die vorausgegangene Videosprechstunde gar nicht abrechnen – trotz erbrachter Leistung. Diese Modalitäten sind weder für Ärzte noch für Patienten wünschenswert und stehen der Nutzung solch innovativer Versorgungsangebote im Wege.“ Hinzu komme, dass die Indikationen, für die eine OVS in Frage käme, überaus eingeschränkt sind und z.B. nur zur Beurteilung der Stimme und Sprache eingesetzt werden können. „Man gewinnt den Eindruck, dass eine bedarfsorientierte Einführung der neuen telemedizinischen Leistungen gar nicht Ziel der Verhandlungen war“, sagte Fischbach weiter.

SpiFa-Chef Dr. Dirk Heinrich ergänzt: „Das E-Health-Gesetz sollte eigentlich ein Signal sein, dass wir in Deutschland Vorreiter bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens werden. Mit der Einführung der OVS in die Regelversorgung zu solch unwirtschaftlichen Bedingungen wird dieses Vorhaben wohl scheitern.“ Die Rahmenbedingungen seien realitätsfern und führten unter Umständen bei Ärzten auch zu Verlusten – je nachdem, welchen technischen Anbieter die Praxen nutzen. „Es stellt sich die Frage, warum das Angebot vorschnell unter diesen Rahmenbedingungen als Pflichtleistung der Kassen eingeführt werden muss? Es wäre zielführender, die Akzeptanz und Einsatzmöglichkeiten der neuen Online-Video-Sprechstunde sowie anderer telemedizinischer Leistungen in den Praxen mit den Patienten zu erproben, um das Angebot bedarfsorientierte auszugestalten.“

Heinrich verwies auf das Instrument der Selektiv-Verträge, das – je nach Facharztgruppe – für spezielle Anforderungen und Indikationen ausgestaltet werden könne. „Mit den gewonnenen Erkenntnissen solcher Verträge, die man zu vernünftigen Konditionen abschließen könnte, wäre eine spätere bedarfsorientierte Einführung in die Regelversorgung sicherlich zielführender“, sagte der SpiFa-Chef weiter. Mit der aktuellen Regelung hingegen würden E-Health-Angebote gleich zum Start disqualifiziert und ihre Weiterentwicklung als sinnvolle Ergänzung der bisherigen medizinischen Versorgung erschwert. Auch unter dem Dach des SpiFa würden bereits verschiedene telemedizinsche Angebote, wie das „Facharzt-Konsil“ aber auch die Online-Video-Sprechstunde entwickelt, um die medizinische Versorgung von Patienten auch in Zukunft flächendeckend gewährleisten zu können.

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