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Bundeskongress Chirurgie: Einsatz von Botox in der Hernienchirurgie

Für den muskellähmenden Effekt von Botulinumtoxin gibt es in der Medizin viele verschiedene Anwendungen. Auch in der Hernienchirurgie kann man sich den Effekt zunutze machen, wie die Hamburger Chirurgin Cigdem Berger beim Bundeskongress Chirurgie am 23. Februar 2018 in Nürnberg berichtete. Derzeit ist Botox für den Einsatz in der Hernienchirurgie zwar nicht zugelassen, der Einsatz sei daher nur off-Label möglich. Dennoch sieht sie das Medikament als sinnvolle ergänzende Maßnahme bei der Reparatur komplexer Hernien, bei denen schwierige anatomische Verhältnisse herrschen, der Faszienverschluss nur schwer möglich und bei einem erzwungenen Faszienverschluss ein intraabdominelles Kompartment drohe. „Ohne Botox muss bei Defektstrecken von über 12 cm fast immer eine Komponentenseparation gemacht werden, mit Botox liegt die Rate im eigenen Patientengut nur bei 21 Prozent“, berichtete die Chirurgin.

Unter dem Einfluss von Botox verlängere sich der Muskel und werde weniger dick, dies erleichtere die Defektdeckung und verkürze die Defektstrecke. „Unsere eigenen Ergebnisse bestätigen internationale Studien zu dem Thema“, sagte Berger. In ihrer Klinik, dem Wilhelmsburger Klinikum Groß Sand, habe man seit Februar 2016 insgesamt 27 Patienten mit W3-Hernien (nach EHS-Klassifikation) mit einer präoperativen Botox-Konditionierung behandelt. Die Defektfläche betrug im Schnitt 389 cm2, die quere Bruchlücke war 11 bis 22 cm lang. Alle Patienten erhielten vier Wochen präoperativ eine Botox-Behandlung, bei der 100 bis 200 IE Botox in die Seite injiziert wurden. Es gab keinerlei Komplikationen im Zusammenhang mit der Botox-Behandlung, was Berger auf die pharmakologische Sicherheit und die Reversibilität seiner Wirkung zurückführte. „All diese Vorteile lassen Botox als klinisch attraktive Alternative zur Komponentenseparation erscheinen“, erklärte Berger. „Die Frage sollte nicht lauten, ob wir Botox einsetzen dürfen, sondern ob wie es brauchen.“

Das sah Priv.-Doz. Dirk Weyhe als Vorsitzender der Arbeitsgruppe Hernien in der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) allerdings etwas anders. Derzeit werde das deutsche Arzneimittelgesetz überarbeitet und an europäische Anforderungen angepasst. „Damit wird es noch strenger als bisher, und jegliche Abweichungen werden als strafbare Körperverletzungen gewertet“, warnte Weyhe, „da sind deutsche Gerichte vor dem Hintergrund der Menschenversuche während des Nationalsozialismus unerbittlich.“ Der off-Label Einsatz von Medikamenten sei nur in Einzelfällen möglich, „und alles, was über 6 bis 12 Fälle hinausgeht, wird als systematisch und nicht mehr als Einzelfall gewertet.“ Dr. Wolfgang Reinpold, Chefarzt am Wilhelmsburger Klinikum Groß Sand, entgegnete: „Als Vertreter einer Fachgesellschaft kann man den Einsatz eines nicht zugelassenen Medikaments natürlich nicht einfach empfehlen und muss maximal vorsichtig argumentieren. Doch als Arzt, der keine Nebenwirkungen der Methode sieht, kann und will ich das verantworten und auch fortsetzen.“

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