Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V.

Bundeskongress Chirurgie: Mit Hypnose im OP das Schmerzempfinden ausschalten

Beim Stichwort Hypnose denken viele Menschen an die suggestiven Kräfte der Schlange Ka aus dem Film „Das Dschungelbuch“: Da wird man fremdbestimmt, das ist unheimlich und unseriös. Nichts davon trifft zu, wie der Anästhesist Thomas Kahlen aus Köln beim 20. Bundeskongress Chirurgie am 24. Februar 2018 in Nürnberg betonte. Hypnose ist kein Hexenwerk, sie funktioniert und kann unter Umständen eine Narkose ergänzen oder gar ersetzen.

Grund hierfür ist die Arbeitsteilung im menschlichen Gehirn zwischen Stammhirn, limbischem System und Großhirnrinde. „Evolutionär betrachtet, ist das Stammhirn unser ‚Reptilienhirn’, das limbische System steht auf der Stufe eines ‚frühen Säugetierdenkens’“, erklärte Kahlen. Während das Stammhirn elementare Funktionen wie Balance, Körpertemperatur oder Blutdruck regelt, ist das limbische System für Emotionen zuständig.

Die Großhirnrinde wiederum, in der das menschliche Bewusstsein und der Verstand wohnen, macht nur fünf Prozent der Gehirnmasse aus – und arbeitet im Vergleich zu den beiden anderen Hirnregionen außerdem sehr langsam. „Das limbische System arbeitet mit einer rasenden Geschwindigkeit von mehreren Millionen Bits pro Sekunde. Die Großhirnrinde hingegen kann Informationen nur mit 40 bis 70 Bit pro Sekunde verarbeiten“, sagte Kahlen. Im Alltag bemerke man diese Diskrepanz bei der Informationsverarbeitung etwa immer dann, wenn sich ein diffuses Gefühl bereits einstellt, lange bevor der Verstand eine Situation voll erfasst hat.

Die großen Hirnareale mit der schnellen Informationsverarbeitung sind es auch, die für die Schmerzweiterleitung verantwortlich sind. „Man muss unterscheiden zwischen einem Schmerzreiz und dem Schmerzempfinden“, erklärte Kahlen. Der Schmerzreiz trifft zunächst auf das Stammhirn und das limbische System, welche die elektrischen Impulse über eine komplexe neuronale Kaskade an das Bewusstsein weiterleiten. Umgekehrt ist das Unterlassen der Wahrnehmung eines Schmerzreizes für das Gehirn deutlich weniger aufwändig. „Doch da das Schmerzempfinden entwicklungsgeschichtlich eine lebensrettende Alarmfunktion hat, leitet das Gehirn einen Schmerzreiz lieber etliche Male zu oft weiter als einmal zu wenig“, meinte Kahlen.

Bei einer Operation allerdings ist die Schmerzwahrnehmung nicht überlebenswichtig, sondern störend – und genau deshalb wird sie von Anästhesisten mittels Narkose ausgeschaltet. Hierfür eignet sich eine Hypnose aber beinahe ebenso gut wie eine Narkose, erklärte Kahlen. Unter einer Hypnose versteht man einen Trancezustand, in dem das Bewusstsein Kontakt mit dem Stammhirn und dem limbischen System aufnimmt und es steuern kann. „Dieser Zustand entsteht bei jedem von uns mehrmals am Tag. Immer wenn ringsum etwas eintönig ist, wendet sich unser Gehirn nach innen.“ Als Beispiele nannte er das gleichförmige Rattern einer U-Bahn oder monotone Sprechgesänge in einem Gottesdienst: „In solchen Situationen verfällt man schnell in eine Tagträumerei.“ Ein solcher Trancezustand ist für den Organismus nebenbei bemerkt sehr erholsam, denn er senkt den Blutdruck und den Adrenalinspiegel.

Bei einer Hypnosenarkose versetzt der Patient sich selbst in einen solchen Trancezustand und tritt in Kontakt mit seinem Stammhirn und limbischen System. „Wir üben das mit unseren Patienten im Aufklärungsgespräch. Es klingt vielleicht ein bisschen schräg, aber wir fordern den Patienten auf, sein Reptiliengehirn und sein limbisches System zu bitten, während der Operation keine Schmerzen weiterzuleiten.“ Wenn das Gehirn dem zustimmt, dann bleibt der Patient während des Eingriffs wach und spürt tatsächlich keine Schmerzen.

Dass eine Hypnosenarkose funktioniert, ist dabei keine wirklich neue Erkenntnis. So wurde das Verfahren bereits 1775 erstmals durch den Arzt Franz Anton Mesmer beschrieben. 1841 führte der britische Augenarzt James Braid erstmals eine Operation in Hypnose durch. Die weitere Erforschung der Methode wurde allerdings im 19. Jahrhundert durch die Entdeckung von Äther, Lachgas und Chloroform als Narkosegase aufgehalten. Erst 1957 beschäftigte sich der Psychiater Milton H. Erickson wieder mit dem klinischen Einsatz der Hypnose. „Hätte nicht zufällig kurz nach der ersten Operation in Hypnose der Siegeszug der chemischen Narkose begonnen, wäre die Hypnosenarkose heute möglicherweise längst ein Standardverfahren“, sagte Kahlen.

Das Publikum aus gestandenen Chirurgen und Anästhesisten blickte dennoch ein wenig skeptisch drein: „Besteht nicht die Gefahr, dass der Trancezustand unterbrochen wird und der Patient dann doch Schmerzen verspürt?“, fragte einer. Kahlen konnte ihn beruhigen: „Nein. Wenn erst einmal die Hürde des Hautschnitts überwunden ist, dann schwimmt der Patient quasi auf einer Welle des Erfolgs und ist derart endorphingeflutet, dass der Zustand auch für den restlichen Zeitraum der OP anhält.“

Zum Beweis zeigte Kahlen kurze OP-Videos von einer Schilddrüsenresektion, die in Lokalanästhesie und Hypnose durchgeführt wurde, und von einer Schulterarthroskopie, die sogar komplett in Hypnose gelang. „Die Vorteile liegen auf der Hand“, erklärte Kahlen, „nach einer Hypnosenarkose haben Patienten weniger postoperative Schmerzen, benötigen insgesamt weniger Analgetika, haben deshalb deutlich weniger mit postoperativer Übelkeit und Erbrechen zu tun und sind erheblich schneller wieder arbeitsfähig.“

Die Methode eigne sich auch für Kinder, betonte der Anästhesist: „Wir erklären dem Kind die Zusammenhänge und fragen es dann, ob es sich vorstellen kann, sein Krokodil und seinen Bären zu bitten, die Schmerzen während der Operation zu unterlassen. Und ja, das funktioniert!“ Er gab allerdings zu bedenken, dass die Hypnosenarkose aufgrund der intensiven Aufklärungsgespräche und Übungen sehr zeitaufwändig sind. Den Kriterien des SGB V, wonach Leistungen wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig (WANZ) sein müssen, entspreche die Hypnosenarkose eher nicht.

 

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