Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V.

Aktuell zur WM informiert die AGA über die häufigsten Fußballverletzungen

Höchstgeschwindigkeiten von über 35 Kilometern pro Stunde, Laufleistungen von 10 bis11 Kilometern in 90 Spielminuten – der Profifußball hat sich auf ein extrem hohes sportliches Niveau entwickelt. Und der Amateursportler zieht im Zuge moderner Trainingsmethoden, ambitionierter Ziele und gläserner Leistungen der Profis nach. Wie die AGA Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie mitteilt, ist Fußball heute insgesamt ein viel schnelleres und körperlich aggressiveres Spiel geworden – mit höheren Anforderungen an die physische und geistige Fitness sowie einem gesteigerten Trainingsumfang. Verletzungen und Ausfallzeiten gehören zum Spielbetrieb.

Anlässlich der aktuell laufenden Fußballweltmeisterschaft gibt Dr. Daniel Hensler, Sporttraumatologe der AGA Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie, einen Überblick über die wichtigsten Fragen: Wer ist am meisten gefährdet, was sind die häufigsten Fußballverletzungen und was bedeuten sie für den Sportler und seine mögliche Ausfallzeit? Verletzungen und Ausfallzeiten im Fußball korrelieren mit dem Alter des Fußballers, seinem Trainingsumfang, der Trainingssteuerung und dem Spiellevel. „Vor allem Jungprofis und Spieler auf dem Sprung in den Profistatus haben das größte Verletzungsrisiko“, betonte Dr. Hensler. Am häufigsten sei die untere Extremität betroffen, vor allem das Sprunggelenk, das Kniegelenk sowie die Muskeln von Ober- und Unterschenkel. Dabei seien die meisten Verletzungsarten Umknicktraumen, Zerrungen und Prellungen. Neben den eigentlichen traumatischen Verletzungen spielten auch die Verletzungen durch Überlastung eine große Rolle. Während leichte Muskelverletzungen eine sehr gute Prognose hinsichtlich der Spielfähigkeit haben, bedingen Bandverletzungen wie auch schwerwiegende Muskelverletzungen häufig eine längere Spielpause. Ausgeprägte Schädigungen des Gelenkknorpels sowie Verletzungen mehrerer Bänder der Gelenke bedeuteten sogar oft das Karriereende.

Als Risiko Nummer 1 nannte Dr. Hensler Sprunggelenksverletzungen, bei denen vor allem der Außenbandapparat gefährdet sei: „Die Außenbänder sind bei Sprunggelenkverletzungen sehr häufig betroffen, seltener die Innenbänder. Liegt eine Bänderdehnung vor oder reißt nur ein Band, erfolgt die Behandlung in der Regel konservativ und die Spieler können ggf. nach einer Ausfallzeit (bis zu 30 Tage) mit Tapeverbänden wieder spielen. Reißen zwei oder mehr Bänder, wird bei Profis und jungen Leistungssportlern oft zur OP geraten.“ Eine schwere Verletzung mit Ausfallzeiten über 8 Wochen sei der Syndesmosenriss, wie ihn z.B. in dieser Saison Kingsley Coman erlitt. Zur Behandlung sei in der Regel eine OP notwendig.

Am zweithäufigsten seien Kniegelenkstraumata, die zwar nicht ganz so häufig wie Sprunggelenksverletzungen vorkommen, aber oftmals mit einer längeren Verletzungspause des Fußballers verbunden sind. Zu Verletzungen der Bänder im Kniegelenk könne es sowohl mit als auch ohne Gegnerkontakt kommen Verstauchungen des Kniegelenks ohne Körperkontakt entstünden durch die „Fixierung“ des Fußes mit dem Untergrund bei gleichzeitiger Drehung des gesamten Körpers. „Biomechanische Studien haben gezeigt, dass das vordere Kreuzband ein Hauptstabilisator für die Innenrotation des Unterschenkels ist. Kommt es zu einer extremen Außendrehung des Körpers bei fixiertem Unterschenkel, kann das vordere Kreuzband leicht reißen“, erklärte Dr. Hensler und verwies auf den Nationalspieler Sami Khedira vor der WM 2014. Erste Anzeichen seien ein rascher Kniegelenkserguss, Bewegungseinschränkung und Instabilitätsgefühl. Häufig komme es dabei auch zu einem (An-) Riss des Innenbands als Begleitverletzung. Und auch der Innenmeniskus, welcher mit dem Innenband teilweise verwachsen ist, könne bei diesem Unfallmechanismus mitbetroffen sein. Die Kombination aller drei Verletzungen ist auch als „unhappy triad“ bekannt.

Fast ein Drittel aller Fußballverletzungen wiederum sind nach Angaben der AGA Muskelverletzungen, wobei die leichteste Variante der gemeine Muskelkater, die schwerwiegendste der komplette Muskelriss ist. Letzterer erfordere eine OP, bei der der Muskel wieder an der Sehne refixiert wird. Von einer direkten Muskelquetschung durch Gegnereinwirkung (Tritt) sei häufig der Musculus quadriceps betroffen, von einer Überdehnung – Muskelfaserriss – meistens der Hamstring. „In der Vergangenheit erlitt z.B. Marco Reus verschiedene Muskelverletzungen“, erklärte Dr. Hensler. Kontusionstraumen der Muskulatur seien meist Folge eines Zusammenpralls mit dem Gegner. Der kontrahierte und nicht ermüdete Muskel weise ein geringeres Verletzungsrisiko auf. „Spielt der Fußballer nach leichter Prellung weiter, riskiert er durch die weitere Belastung eine schwerere Muskelverletzung“, warnte der Experte. Empfehlenswert sei deshalb die Erstversorgung nach dem Prinzip RICE: rest, ice, compression, elevation. Die gute Nachricht: Durch die gute Blutversorgungssituation heilt die Muskulatur schnell. Therapeutisch empfiehlt die AGA – je nach Schwere der Verletzung – eine schnelle Mobilisation und Physiotherapie. Äußerst selten müssten Muskelverletzungen operiert werden.

Die Gehirnerschütterung (Commotio cerebri) sei als sehr ernstzunehmende Verletzung beim Fußball wie auch anderen Kontaktsportarten in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus der Sportmedizin gerückt. Ursache seien weniger die Annahme des Balles mit dem Kopf als Anprälle gegen den Kopf des Gegners oder dessen Ellbogen bei Kopfball-Duellen. Als spektakulärster Vorfall nannte die AGA die Gehirnerschütterung von Christoph Kramer beim WM-Finale 2014. Kopfplatzwunden oder Wunden im Gesichtsbereich wiederum gehörten zu den eher milden Verletzungen, wie etwa die von Bastian Schweinsteiger im WM-Finale 2014. Allerdings sei die Voraussetzung zum Weiterspielen, dass die Wunde trocken und dicht ist. Als Versorgungsmöglichkeit besteht neben dem Nähen der Wunde auch das Kleben oder Klammern.

Lange sei die Definition einer „Verletzung“ und „Ausfallzeit“ in der Fachwelt umstritten gewesen. Aktuell orientiere man sich vor allem an der FIFA Richtlinie FMARC (FIFA Medical and Research Centre) nach der „jede physische Beschwerde, die durch Fußball verursacht wurde“, als Verletzung zählt. Jede zweite passiert durch Kontakt mit dem Gegner oder mit Gegenständen. Diese sogenannten Kontaktverletzungen treten vermehrt während des Wettkampfs auf, Nicht-Kontaktverletzungen hingegen vor allem während der Trainingsphasen. Der Verletzungsgrad ist nach Angaben der Fachgesellschaft nun klar definiert:

  • „Milde Verletzungen“ mit Unterteilungen in „schwach“ (keine Ausfallzeit), „minimal“ (1 bis 3 Tage Ausfallzeit) und „leicht“ (4 bis 7/8 Tage Ausfallzeit). Sie machen insgesamt rund 50 Prozent aller Verletzungen aus.
  • „Mittelschwere Verletzungen“ mit 7/8 bis 27/30 Tage Ausfallzeit. Insgesamt betrifft dies rund 35 Prozent aller Verletzungen.
  • „Schwere Verletzungen“ mit mehr als 28/30 Tage Ausfallzeit. Ca. 10 bis 16 Prozent aller Verletzungen gelten als schwer.
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