Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V.

Bedarfsplanungsrichtlinie: Über die Zusammenlegung von Chirurgie und Orthopädie freut sich nicht nur der BDC!

Stellungnahme von Dr. Christoph Schüürmann, 1. Vorsitzender des BNC zu einem Bericht des Ärztenachrichtendienstes (ÄND) vom 03.12.2018

Ein langer und intensiver Kampf ist erfolgreich zu Ende gegangen. Damit wurde ein Problem gelöst, das seit 2003 bestanden hatte: Mit der Musterweiterbildungsordnung (MWBO) von 2003 war die Orthopädie unter das Dach der Chirurgie zurückgekehrt als neuer Facharzt Orthopädie/Unfallchirurgie. In der Bedarfsplanung der Vertragsärzteschaft blieben es aber zwei Versorgungsebenen, nämlich die Chirurgie und die Orthopädie/Unfallchirurgie, bis praktisch noch heute.

Es gab sicher in der gesamten Zeit seit 2003 Bestrebungen verschiedener Berufsverbände, den sinnvollen Zusammenschluss voranzutreiben. An dem langen Zeitverlauf kann man unschwer erkennen, dass enorm viele Hindernisse aus dem Weg geräumt werden mussten.

Für die niedergelassenen Chirurgen gab es dann schlussendlich Ende September 2016 ein vernichtendes Urteil des Bundessozialgerichtes, das mit einer Sprungrevision wegen der grundsätzlichen Bedeutung angerufen worden war. Es ging um ein Klageverfahren zwischen der KV Berlin und einem Berliner MVZ wegen der geplanten Nachbesetzung eines chirurgischen Sitzes ohne unfallchirurgischen Schwerpunkt durch einen orthopädisch/unfallchirurgischen Kollegen. Dies war von der KV Berlin nur eingeschränkt auf unfallchirurgische Leistungen zugelassen worden.

Zusammengefasst bedeutete das BSG-Urteil, dass ein chirurgischer Vertragsarztsitz ohne Schwerpunkt Unfallchirurgie nicht durch einen orthopädisch/unfallchirurgischen Kandidaten uneingeschränkt nachbesetzt werden kann. Die Regelung bei vorhandener D-Arzt-Bestallung des Chirurgen ohne Schwerpunkt wurde offen gelassen.

Die KV Berlin freute sich, für den BNC war das die „perfekte“ Katastrophe. Warum?

Etwa gut 50 Prozent der bis dato niedergelassenen chirurgischen KollegInnen haben nicht den Schwerpunkt Unfallchirurgie, geringfügig aber trotzdem die Bestallung zum D-Arzt. Sie haben ansonsten entweder keinen oder in seltenen Fällen andere Schwerpunkte.

Über Nacht waren diese derzeit etwa 1.700 niedergelassenen KollegenInnen ihre Nachfolgemöglichkeit los, und zwar grundsätzlich, weil der Chirurg nicht mehr ausgebildet (weitergebildet) wird und sich seit geraumer Zeit jedes Jahr nur noch eine einstellige Zahl geeigneter Nachfolgekandidaten in Gestalt von Allgemeinchirurgen nach der noch aktuellen Weiterbildungsordnung in Deutschland niederlässt. Das trifft im Übrigen auch für Viszeralchirurgen, Kinderchirurgen und Gefäßchirurgen zu (siehe Leitartikel Chirurgen Magazin Heft 82, Ausgabe 4, November 2016, S.10).

Seitdem blieb und bleibt es diesen Praxen an sich nur übrig, bei anstehender Abgabe entweder – wenn es klappt – an ein Krankenhaus zu verkaufen, oder „einfach“ ohne Abgabe des Sitzes (außer an die KV) aufzuhören. Der Sitz verschwindet dann, da der Nachfolgemarkt zur Niederlassung per Gerichtsbeschluss abgeschafft wurde.       

Genau in diesem Moment, also nach Bekanntwerden des Gerichtsbeschlusses, hat sich der BNC ohne Verzug und intensiv eingeschaltet, um den seit der geänderten MWBO 2003 geplanten Zusammenschluss in der Bedarfsplanung voranzutreiben. Dazu fanden mehrere sehr konstruktive Treffen mit der Leitung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) statt, um die nunmehr unausweichlichen Folgen dieses besagten Urteils genau zu erläutern und um eine möglichst rasche Umsetzung des geplanten Vorhabens der Zusammenlegung zu bitten.

Weiter wurde der Vorstand des GKV-Spitzenverbandes aufgesucht und dort ebenso die Konsequenzen dieser Kappung der bisherigen Nachfolgeregelung aufgezeigt. Gleiches mehrfach in der KBV sowie in der Bundesärztekammer. Wir haben schlussendlich persönlich Herrn Gesundheitsminister Spahn dazu angesprochen und ihm alle notwendigen Unterlagen zu dem Thema nach seiner Aufforderung dazu übermittelt.

Und natürlich ist der BNC nach all dieser Aktivität sehr froh, dass dieses Ergebnis zustande gekommen ist. Klar ist genauso, dass es auch mögliche Nachteile gibt.

Die bisher getrennten Versorgungsebenen haben sich allein aufgrund der langen historischen Dauer unterschiedlich entwickelt. Es gibt unterschiedliche Fallwerte, unterschiedliche freie Leistungen und Qualifikationsgebundene Zusatzvolumen (QZV), was sich bei der Formulierung des zukünftig gemeinsamen Kapitels gezeigt hat, an dem der BNC auch beteiligt war.

Möglicherweise wird es bei der Zusammenführung der Kapitel zu leichten Verschiebungen kommen. Außerdem gilt die chirurgische Fachgruppe bislang aufgrund der heute unsinnigen Bedarfszahlen von 1990 als relativ stärker überversorgt als die bisherigen Orthopäden, das Zahlenverhältnis zwischen niedergelassenen ÄrztInnen für Chirurgie und niedergelassenen ÄrztenInnen für Orthopädie liegt insgesamt außerdem etwa bei 1/3 zu 2/3.

Dazu ist noch nicht klar, wie dann die Regelungen bei „fachübergreifenden“ Berufsausübungsgemeinschaften (BAG) Chirurgie/Orthopädie sein werden, wenn nur noch eine Versorgungsebene besteht. Abschließend muss man aber sagen, dass alle beteiligten Berufsverbände zugestimmt haben.

Für die jetzt niedergelassenen ChirurgInnen ohne Schwerpunkt Unfallchirurgie bedeutet jedoch das Erreichte, dass sie ihre Praxis zukünftig wieder an die niederlassungswillige Fachärzte für Orthopädie/Unfallchirurgie abgeben können, wenn z. B. kein allgemeinchirurgischer Kollege zur Verfügung steht. Das BSG-Urteil von 2016 ist damit (endlich) ausgehebelt, das aktuelle Szenario ist dann nicht mehr von Bedeutung.

Einseitige Entsperrungen werden aufgrund der hohen Überversorgungszahlen wohl erst sehr spät auftreten, außerdem wird es wahrscheinlich Quotenregelungen geben, spätestens nach der geplanten Evaluierung. Klar ist, dass es durch diese Maßnahme aufgrund der realen Zahlenverhältnisse der Nachbesetzungskandidaten nun verstärkt zu einer „Orthopädisierung“ der gemeinsamen Versorgungsebene kommen wird, die durch die Zusammenlegung geboostert und nicht bekämpft wird. Die Alternative dazu jedoch, sprich: nur ans Krankenhaus oder gar nicht abzugeben (also komplettes Verschwinden aus der niedergelassenen Versorgung), hätte für uns wesentliche schlechtere Konsequenzen insgesamt, für die Abgeber weiterhin fatale Folgen.

Übrigens  wird theoretisch auch ein zukünftiger Allgemeinchirurg einen orthopädisch/unfallchirurgischen Sitz übernehmen können bei gleicher Versorgungsebene.

Zunächst aber haben die orthopädisch/unfallchirurgischen Kandidaten nunmehr einen größeren Markt zur Verfügung, um Sitze zu übernehmen – und zwar so lange, bis irgendwann, so kann man nur hoffen (!), wieder eine ausreichende Zahl an niederlassungswilligen neuen AllgemeinchirurgInnen zur Verfügung steht, neu deshalb, weil der/die neue AllgemeinchirurgIn aufgrund der reformierten Weiterbildung mit der Integration von Skelettradiologie und deutlich verbesserten traumatologischen sowie viszeralchirurgischen Inhalten (18 Monate) wieder im Gegensatz zu jetzt sehr gute Verwendung in der Niederlassung finden kann.

Und hier sind wir genau beim bekannten Parallelkonflikt „Allgemeinchirurgie neu“, den der BNC als Berufsverband quasi allein gegen den Rest der Welt (bis auf die gute Unterstützung durch die Unfallchirurgie) erfolgreich erkämpft hat (siehe hierzu auch eine Stellungnahme des BNC von März 2015,  sowie eine entsprechende Pressemitteilung vom 18.03.2015). Für dieses Engagement wird der BNC noch heute von seinen persistierenden Gegnern als ein Berufsverband beschimpft, der es – so sinngemäß – „nicht verstanden hat“.

Dazu möchte ich erklären, dass der BNC weiterhin sehr froh über den neuen Allgemeinchirurgen in der MWBO 2018 ist mit nunmehr sehr guten und niederlassungstauglichen Inhalten.

Unabhängig wie man darüber denkt, müsste inzwischen eigentlich auch dem letzten Zweifler klar geworden sein, dass angesichts der herrschenden Verhältnisse ein Gleichlaufen von Zusammenlegung der Versorgungsebenen und eine niederlassungstaugliche Weiterbildungsordnung unabdingbar sind.

Es gibt allerdings einen „Schönheitsfehler“: Die Venenchirurgie ist aus der zukünftigen Weiterbildung des Allgemeinchirurgen durch eine Intervention aus der Gefäßchirurgie gestrichen worden.

Daher ist es aus unserer Sicht dringend erforderlich, auf Landesebene in den zuständigen Weiterbildungskommissionen bei den Kammern alles dafür zu tun, dass die Venenchirurgie auch für den zukünftigen Allgemeinchirurgen erhalten bleibt. Wenn ich mir die aktuellen Versorgungs- und Niederlassungszahlen ansehe, bin ich mir sicher, dass es die niedergelassenen gefäßchirurgischen KollegInnen nicht stören wird. Ein Rundschreiben an alle KollegenInnen wurde vom BNC dazu bereits verfasst.

Kommen wir zum Anfang zurück. Selbstverständlich und mit gutem Grund begrüßt natürlich auch der BNC  den Zusammenschluss der Versorgungsebenen Chirurgie und Orthopädie/Unfallchirurgie und freut sich darüber sehr!

Da die wechselseitigen Aktivitäten unter den Berufsverbänden an sich bekannt sind, wäre eine kurze Erwähnung dazu in der vom ÄND zitierten Pressemitteilung des BDC vom 03.12.2018  – sagen wir einmal –  im Sinne der Sache erfreulich überfällig gewesen. Das ist leider nicht passiert, weshalb ich das hiermit als ergänzende Information nachholen möchte.

Dr. Ch. Schüürmann, 1. Vorsitzender BNC

 

 

 

 

 

 

 

 

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