Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V.

Wundzentrum in einer chirurgischen Praxis? Das kann eigentlich nicht funktionieren!

Angesichts von deutschlandweit schätzungsweise einer Million Menschen mit chronischen Wunden sollte man eigentlich meinen, dass es großes gesamtgesellschaftliches Interesse daran gibt, diese Menschen gut zu versorgen. Doch Ärztinnen und Ärzte, die sich auf die Behandlung chronischer Wunden spezialisiert haben, können ein Lied davon singen, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Hauptursache für die inadäquate Versorgung von Wundpatienten ist die unzureichende Vergütung, wie der Vortrag des niedergelassenen Allgemeinchirurgen Dr. Karsten Glockemann beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) Ende März 2019 in München zeigte. Dr. Glockemann betreibt in Hannover ein Wundzentrum, das überregional vernetzt ist und an diversen Forschungs- und Studienprojekten teilnimmt.

Der Praxisalltag in einem Wundzentrum sei bestimmt von hohem Zeit-, Personal- und Materialaufwand für die einzelnen Patienten. Auch die Ansprüche an die hygienische und räumliche Infrastruktur der Praxis seien hoch. Hinzu kämen ein hoher Lagerbedarf, hohe Schulungskosten und ein hoher Organisations- und Dokumentationsbedarf. Alle diese hohen Anforderungen würden in keiner Weise wirtschaftlich abgebildet. Das Regelleistungsvolumen einer Praxis aber richte sich primär nach der Quantität, erklärte Dr. Glockemann: „Wenn ich nur 30 Sekunden mit einem Patienten spreche und ihm sage, dass ich ihm leider nicht helfen kann, dann habe ich genauso viel verdient wie bei einem aufwändigen Verbandwechsel bei einem diabetischen Fuß.“

Hinzu kämen Probleme in der Versorgungsstruktur: Sofern die betroffenen Patienten keinen Pflegegrad haben, könne er als niedergelassener Arzt keine Taxischeine für den Transport in die Praxis ausstellen. Viele der Patienten seien adipös, ihre Wunden mit multiresistenten Keimen besiedelt – „sie sind in vielen Praxen deshalb nicht gern gesehen“, sagte Dr. Glockemann. Für bereits niedergelassene Ärztinnen und Ärzte fehlten Weiterbildungsmöglichkeiten auf dem Gebiet der Wundbehandlung: „Für ein Krankheitsbild, das eine Million Menschen angeht und einen Etat von jährlich mehreren Milliarden Euro verschlingt, gibt es keine eigene Zusatzbezeichnung!“

Zu allem Überfluss hinge über jedem Wundbehandler immer das Damoklesschwert der Richtgrößenprüfung: „Da braucht man sehr starke Nerven, denn es geht bei diesen Prüfungen schnell um Beträge jenseits der 600.000 Euro – soviel hat keiner von uns einfach so auf dem Konto“, sagte der Chirurg. Er selbst habe sich in den vergangenen zehn Jahren mit vier Regressen auseinandersetzen müssen: „Da hat man schlaflose Nächte, in denen man auch schon mal ins Kinderzimmer guckt und sich fragt, ob es das wirklich wert ist.“ Bislang habe er allerdings jeden Regressausschuss überzeugen können, dass die von ihm durchgeführte Behandlung tatsächlich sachgerecht und notwendig war.

Andere Kolleginnen und Kollegen haben seiner Beobachtung nach aber längst resigniert: „Ich halte häufig Vorträge bei Kongressen und Veranstaltungen, aber da kommen fast ausschließlich Pflegekräfte. Wir Ärztinnen und Ärzte haben das Thema Wundbehandlung inzwischen aus der Hand gegeben.“ Und auch Gespräche mit Vertretern von Krankenkassen oder aus der Politik verliefen zumeist ernüchternd: „Die haben in der Regel weder Ahnung noch Interesse“, kritisierte Dr. Glockemann.

Der Chirurg forderte eine Förderung der koordinierten, interdisziplinären und intersektoralen Versorgung und Zusammenarbeit, kritisches Hinterfragen von Qualifikationsgebundenen Zusatzvolumen (QZV) sowie der Richtgrößenprüfungen und Boni, eine Anerkennung von Praxisbesonderheiten bei der Behandlung chronischer Wunden, eine eigene ICD und ein eigenes QZV für den Themenkomplex ‚chronische Wunde’, die Etablierung einer Zusatzbezeichnung ‚Wundmedizin’, neue Fortbildungsmöglichkeiten und die Förderung ambulanter Studien.

 

 

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