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Wundkongress Bremen: Vom Umgang mit Menschen mit Diabetischem Fußsyndrom

„Wenn Sie beim Anblick eines diabetischen Fußes entsetzt gucken und sich fragen, wie in aller Welt dieser Mensch es soweit kommen lassen konnte – dann zeigt das, dass Sie keine Erfahrung im Umgang mit diesen Patienten haben.“ Mit diesen Worten begann am 8. Mai 2019 beim Bremer Wundkongress der Vortrag von Dr. Alexander Risse, Leiter des Diabeteszentrums im Klinikum Dortmund und mittlerweile Youtube-Guru auf dem Gebiet der Diabetologie mit einer wachsenden Zahl von Fans. Der Internist, Angiologe und Diabetologe hat vor seinem Medizinstudium zunächst Philosophie und Anglistik studiert und betrachtet medizinische Fragestellungen nicht allein durch die ärztliche, sondern auch durch die anthropologische Brille.

Das Grundproblem beim Diabetischen Fußsyndrom (DFS) sei die Neuropathie und die damit verbundene reduzierte Schmerzentwicklung bei Anfangsschäden. Deshalb erfolgten ein normales Vermeidungsverhalten und das Einfordern von Hilfe nicht im angemessenen Umfang: „Mit einer Neuropathie müssen Sie sich verletzen. Sie merken es nicht, und Sie nehmen Verletzungen nicht ernst. Sie gehen zu spät zum Arzt und belasten den Fuß weiter, obwohl Sie rational verstanden haben, dass es ihm nicht guttut“, erklärte Dr. Risse. „Das Ausmaß der Achtlosigkeit, das Betroffene an den Tag legen, ist für Unerfahrene im Umgang mit Menschen mit reduziertem Empfinden verblüffend.“

Bereits 1997 hat Dr. Risse für dieses Phänomen den Begriff des „Leibesinselschwunds“ geprägt: „Dieses Konzept besagt vereinfacht, dass der Fuß in der leiblichen Ökonomie des Betroffenen nicht mehr vorkommt, also nunmehr wie ein Umgebungsbestandteil wahrgenommen wird.“ Und wenn es einem Umgebungsbestandteil nicht gut geht, dann lässt sich das durchaus über einen längeren Zeitraum hinweg ausblenden. „Diese Patienten sind nicht doof, auch wenn das viele Kolleginnen und Kollegen oft annehmen!“, betonte Dr. Risse, „das diabetische Fußsyndrom ist also kein Neglekt, sondern eine Wahrnehmungsstörung

Auch für die häufige Beobachtung, dass DFS-Patienten trotz Aufklärung über die Bedeutung geeigneten Schuhwerks zu enge Schuhe tragen, hatte Dr. Risse eine einleuchtende Erklärung: „Diese Patienten tragen immer zu enge Schuhe, weil sie eben nur auf diese Weise spüren, dass sie überhaupt Schuhe anhaben.“ Die Schuhe würden so eng geschnürt, bis der Knochendruck die entsprechenden Signale gebe – für Behandlungsteams oft eine sehr frustrierende Situation.

„Was die Patienten tatsächlich erleben, das zeigt die Literatur nicht“, mahnte Dr. Risse, „man muss genau hinhören, was diese Menschen erzählen, und sie ernst nehmen.“ Wenn jemand erzählt, dass die Neuropathie ihm das Gefühl vermittelt, gar nicht mehr auf dem Boden zu stehen, dann lässt sich vielleicht auch eher nachvollziehen, warum er die Schuhe so eng schnürt, bis er die Füße wieder spürt.

 

 

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