Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V.

DKOU: Orchestermusiker als Patienten in Orthopädie und Unfallchirurgie

Der Unfallchirurg Prof. Jochen Blum hat einen ungewöhnlichen Werdegang. Denn vor seinem Medizinstudium und der Weiterbildung zum Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie erlernte er zunächst den Beruf des Geigenbauers. Auch heute sind Musiker eine wichtige Klientel für Prof. Blum. Seit nunmehr 30 Jahren bietet er in Worms eine eigene Sprechstunde für Orchestermusiker an. Diese wird vor allem von Streichern (68 Prozent) angeführt, gefolgt von Pianisten (12 Prozent), Gitarristen (9 Prozent), Holzbläsern (4 Prozent) und Blechbläsern (3 Prozent).

Die meisten medizinischen Probleme beträfen den Bewegungsapparat und resultierten aus der Körperhaltung beim Musizieren. Bei den Streichern seien vor allem Violinisten und Bratschisten betroffen, die ihr Instrument schräg am Kopf anlegen und auf diese Weise ihre Halswirbelsäule und Arme sowie den Nacken- und Schultergürtel stark belasten. Typische Beschwerden seien muskuläre Verspannungssyndrome, Epikondylitis lateralis bzw. medialis, Tendinosen und Tendovaginitiden, Ganglien und Kontrakturen, Gelenkshypermotilität, Osteoarthritis und andere rheumatische Erkrankungen, Verletzungsfolgen, fokale Dystonien, Nervenkompressionssyndrome, digitale Neuropathien und Nervenwurzelreizungen. „Wir haben es hier mit einem hohen Anteil von Patienten mit verminderter Erwerbsfähigkeit zu tun“, erklärte Prof. Blum. „Orchestermusiker werden mehr als doppelt so oft frühverrentet wie beispielsweise Ärzte.“

Wer sich als Ärztin oder Arzt mit dieser Klientel beschäftigen will, brauche spezielle Kenntnisse der Arbeitswelt im Orchester, der Musikinstrumente und Spieltechniken, der musikalischen Ergonomie und Übetechniken sowie der musikalischen Präventions- und Behandlungskonzepte. „Das sind schon sehr spezielle Patienten. Sie stellen sehr hohe Ansprüche an uns – doch ich mag sie sehr“, sagte Prof. Blum.

Sein Kollege Dr. Florian Dankwerth aus Kamp-Lintfort kann als ehemals aktiver Geiger ebenfalls mitreden, wenn es um die speziellen Bedürfnisse und Beschwerden von Orchestermusikern geht. „Musik macht Spaß und gute Gefühle – aber diejenigen, die sie produzieren, kann sie auch krank machen“, sagte er und verwies auf die Studie von M. Fishbein et al. aus dem Jahre 1988 als „Meilenstein auf diesem Gebiet“. Er brachte dem Plenum insbesondere die Beschwerden an der Halswirbelsäule bei den oberen Streichern nahe. „Die Halswirbelsäule kann stark geneigt werden, das ist Fluch und Segen zugleich“, erklärte er mit Blick auf Biomechanik und Bewegungsamplituden. Gut 70 Prozent der hohen Streicher hätten Schmerzen beim Spielen, „je älter, desto mehr“, sagte Dr. Dankwerth.

Geiger griffen dann häufig zu Hilfsmitteln wie Schulter- oder Kinnstützen bzw. –kissen um die einseitige Belastung abzufedern. Doch auch diese Hilfsmittel brächten nur in knapp 40 Prozent der Fälle Schmerzfreiheit. Hierzu ergänzte Prof. Blum: „Viele Musiker basteln lange an ihren Instrumenten herum, bis sie eine für sie passende Entlastung gefunden haben. Es gibt hier keine standardisierten Methoden wie bei einer Einlagenversorgung durch den Orthopädietechniker.“

Behandlungserfolge ließen sich am ehesten mit multimodalen interdisziplinären Komplextherapien erreichen, betonte Dr. Dankwerth. Hierbei sollten ärztliche Therapie, Ergonomie, psychologische bzw. psychotherapeutische Therapie, Ergo- und Physiotherapie, spezifisches Muskeltraining, physikalische Therapie sowie die Schulung in Selbstwirksamkeit und Entspannungstechniken Hand in Hand gehen.

Aktuelles | Über den BNC | Bundeskongress | Für Patienten | Presse | Landesverbände | Mitgliederbereich | Partner | Veranstaltungen | Praxisbörse | Chirurgensuche | FAQ für Ärzte | Kontakt Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V. © 2014 | Impressum | Datenschutzhinweise | Design & Umsetzung: zollsoft GmbH