Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V.

Modulation des Fettstoffwechsels als Ansatzpunkt für die Traumatherapie

Schädigungen im peripheren Nervensystem infolge von Verletzungen regenerieren sich bei Menschen oft nur langsam und begrenzt: Häufig bleiben Empfindungsstörungen, Nervenschmerzen oder sogar Lähmungen zurück. Schneller und vollständiger läuft der Heilungsprozess dagegen bei Mäusen mit Nervenverletzungen ab, wie die Universität Ulm mitteilt. Demnach haben erstmals Forschende vom Institut für Physiologische Chemie in Patientenproben und im Mausmodell nach zellulären und molekularen Ursachen für das dermaßen unterschiedliche Regenerationspotenzial gesucht. Ausgerechnet im Fettstoffwechsel der Nerven seien sie fündig geworden – und hätten sogar einen neuen Ansatzpunkt für die Traumatherapie identifizieren können.

Um Reparaturvorgänge bei beiden Spezies vergleichen zu können, hätten die Forschenden um Dr. Sofia Meyer zu Reckendorf und Professor Bernd Knöll ein neues Modell für Nervenverletzungen entwickelt. Den Angaben zufolge stand ihnen neben einem Mausmodell dafür seltenes Patientenmaterial zur Verfügung, das bei Operationen der Ulmer Universitätsklinik für Neurochirurgie angefallen war. Die aus Mensch oder Maus gewonnenen Nervenproben seien im Anschluss primär auf Veränderungen der so genannten Schwann Zellen untersucht worden, die im peripheren Nervensystem die Axone mit einer fettreichen Isolationsschicht umgeben und so die schnelle Reizweiterleitung ermöglichen. Anhand dieser Gliazellen habe man die zellulären und molekularen Verletzungsreaktionen zu verschiedenen Zeitpunkten nach einem Trauma nachvollziehen können. Dabei kamen mehrere molekularbiologische Methoden zum Einsatz – von der Genexpressionsanalyse bis zur Untersuchung des Lipidoms.

Insgesamt habe sich gezeigt, dass zahlreiche Prozesse der Nervenregeneration bei Mensch und Maus quasi identisch ablaufen. Sie sind also evolutionär konserviert. Große Unterschiede gebe es allerdings beim Fettstoffwechsel der Nerven: „Werden periphere Nerven der Maus verletzt, kommt es zu einer umgehenden Umstellung des Fettstoffwechsels. Dies versetzt den Nerv in einen pro-regenerativen Zustand, in dem das Reparaturprogramm des Nagers anläuft“, erklärte Dr. Sofia Meyer zu Reckendorf. Beim Menschen hingegen bleibe der Fettstoffwechsel in den Schwann Zellen nach einem solchen Trauma nahezu unverändert, was die eingeschränkte Regenerationsfähigkeit erklären könnte. Ein weiterer wichtiger Störfaktor des Heilungsprozesses menschlicher Nerven scheine ein fortgeschrittenes Alter zu sein.

Die Forschungsgruppe wies darauf hin, dass es bereits zugelassene Medikamente zur Beeinflussung des Fettstoffwechsels gibt – zum Beispiel für Diabetespatienten. Mit einer solchen medikamentösen Manipulation des Fettstoffwechsels sei es gelungen, menschliche Nerven in den Reparaturmodus zu versetzen und dieses Reparaturprogramm auch wieder zu beenden. Neben neuen therapeutischen Ansatzpunkte bei Nervenschädigungen sei es den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zudem gelungen, ein neues Verletzungsmodell zu etablieren und zu zeigen, dass wesentliche Regenerationsprozesse bei Mensch und Maus gleich ablaufen. „Dieses Ergebnis untermauert die hohe Übertragbarkeit von Forschungsergebnissen von der Maus auf den Menschen“, erklärte Prof. Bernd Knöll vom Institut für Physiologische Chemie der Universität Ulm.


Quelle: Meyer zu Reckendorf, S., Brand, C., Pedro, M.T., Hegler, J., Schilling, C.S., Lerner, R., Bindila, L., Antoniadis, G. & Knöll, B. Lipid metabolism adaptations are reduced in human compared to murine Schwann cells following injury. Nat Commun 11, 2123 (2020).

Aktuelles | Über den BNC | Bundeskongress | Für Patienten | Presse | Landesverbände | Mitgliederbereich | Partner | Veranstaltungen | Praxisbörse | Chirurgensuche | FAQ für Ärzte | Kontakt Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V. © 2020 | Impressum | Datenschutzhinweise | Design & Umsetzung: zollsoft GmbH