Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V.

Fachgesellschaften warnen vor Opioiden in der Schmerztherapie

Bei Patienten mit Rückenschmerzen zeigt die bildgebende Routinediagnostik der Wirbelsäule relativ häufig auffällige Befunde, die meist nichts mit den Beschwerden der Patienten zu tun haben. Solche Zufallsbefunde (meist alterstypische Abnutzungen) findet man aber auch bei beschwerdefreien Menschen. Wie wichtig diese relativierende Information für Ärztinnen/Ärzte und Patientinnen/Patienten ist, zeigte nun eine US-amerikanische Studie (Jarvik JG et al. The Effect of Including Benchmark Prevalence Data of Common Imaging Findings in Spine Image Reportson Health Care Utilization Among Adults Undergoing Spine Imaging A Stepped-Wedge Randomized Clinical Trial. JAMA Network Open 2020; 3 (9): e2015713 doi:10.1001/jamanetworkopen.2020.15713): Die informierten Patienten benötigten weniger Opioide. Darauf hat die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hingewiesen. „Schmerztherapeutisch ist das gut nachvollziehbar“, erklärte DGN-Pressesprecher Professor Hans-Christoph Diener. „Patienten, die wissen, dass eine bestimmte in der Bildgebung sichtbare Abnutzungserscheinung allgemein häufig ist und nicht in einem kausalen Zusammenhang mit dem Schmerz stehen oder gar gefährlich sind, sind entspannter, was sich dann wiederum positiv auf das Schmerzempfinden und die Psyche auswirkt. Daher ist die Patientenedukation bereits eine wesentliche Säule der multimodalen Therapie bei Patienten mit chronischen Schmerzen. Denn Wissen hilft gegen Schmerzen.“

DGN-Generalsekretär Prof. Dr. Peter Berlit  ergänzte: „Interessant sind diese Daten auch vor dem Hintergrund der sogenannten Opioid-Epidemie in den USA. In den USA werden bei Rückenschmerzen viel häufiger Opioide verschrieben als in Europa. Doch auch in Europa werden zu viele Opioide verschrieben, wie 2019 ein Bericht der OECD zeigte.“ Ärztinnen und Ärzte sollten hier also gegensteuern. Der relativierende Hinweis in den Befundberichten der Bildgebung sei eine wichtige Maßnahme, die womöglich den Bedarf an opioidhaltigen und anderen Schmerzmittel senken kann und darüber hinaus einfach und preiswert ist. Wie die DGN betonte, haben auch die aktuellen Leitlinien die potenziellen Anwendungsgebiete weiter eingeschränkt. Darüber hinaus habe die ‚sprechende Medizin‘ grundsätzlich eine große Bedeutung in der Schmerztherapie: Gerade beim Umgang mit chronischen Rückenschmerzen sei es wichtig, dass der behandelnde Arzt die Befunde dem Patienten sachgerecht erläutert und Unsicherheiten und Ängste abbaut, sagte Prof. Berlit.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik (AE) warnt vor einer unkontrollierten und längerfristigen Anwendung von Opioiden, und zwar mit Blick auf die seit Beginn der Corona-Pandemie verschobenen Hunderttausende nicht-akuten Operationen. So habe etwa das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) im März und April dieses Jahres einen Rückgang von 79 Prozent der Operationen zum Arthrose bedingten Hüftersatz im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet. „Auch wenn Ärzte momentan viele dieser Implantationen nachholen, sind Patienten teilweise verunsichert, ob jetzt schon wieder ein geeigneter Zeitpunkt für diese Operationen ist“, heißt es in einer Mitteilung der AE. Einige warteten lieber noch weiter ab – und müssten derweil mit ihren Schmerzen und Bewegungseinschränkungen leben. Dann sei eine gezielte Therapie der oftmals starken Schmerzen notwendig. AE-Präsident Prof. Dr. Karl-Dieter Heller erklärte hierzu: „Was viele nicht wissen: Es ist nicht der beschädigte Gelenkknorpel, der weh tut. Denn der hat keine Nerven. Vielmehr ist bei einer Arthrose die Gelenkschleimhaut (Synovialis) entzündet. Zusammen mit dem oftmals begleitenden Gelenkerguss ist das die Hauptursache der Schmerzen.“ Entsprechend müsse diese Entzündung gezielt bekämpft werden. Das funktioniere am besten mit nicht-steroidalen Entzündungshemmern (NSAR) wie Diclofenac, Ibuprofen und Naproxen, sagte Heller. Die zunehmend ebenfalls angewandten Opioide seien reine Schmerzhemmer und wirkten nicht gegen die Entzündung in Hüfte und Knie. Zudem könnten sie die Gefahr für Schwindel und Stürze erhöhen und wiesen ein Abhängigkeitspotenzial auf, sagte der Experte. „Daher sollten sie laut aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Leitlinien – wenn überhaupt – nur in der niedrigsten wirksamen Dosis und auch nur wenige Wochen eingenommen werden.“

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