Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V.

DGCH-Kongress: Antibiotikaprophylaxe – denn sie wissen nicht, was sie tun?

Am Thema Antibiotikaprophylaxe scheiden sich die Geister: Die eine Fraktion befürwortet die routinemäßige perioperative Single-Shot-Antibiose, um im Falle eines Rechtsstreits auf der sicheren Seite zu sein. Die Gegenseite mahnt mit Blick auf die Resistenzlage zu mehr Zurückhaltung beim Einsatz von Antibiotika. Bei einer Sitzung im Rahmen der 131. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) am 27. März 2014 in Berlin tauschten die beiden Seiten Pro- und Contra-Argumente aus.

Auf dem Gebiet der Leistenhernienchirurgie plädierte Prof. Stefan Maier (Kaufbeuren) für den routinemäßigen Einsatz der Antibiotikaprophylaxe beim Verfahren nach Lichtenstein, das aufgrund der offenen OP-Technik naturgemäß mit einem höheren Infektionsrisiko einhergehe. Lediglich bei den endoskopischen Techniken TEP und TAPP könne man auf die routinemäßige Antibiotikaprophylaxe verzichten. Die Studienlage zum Thema sei unübersichtlich, und die Leitlinien widersprächen zum Teil den Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) am Robert Koch-Institut (RKI). Diese aber würden in juristischen Auseinandersetzungen gern als Handlungsmaßstab herangezogen. „Wir sollten uns nicht fragen, aus welchem Grund wir eine Prophylaxe brauchen, sondern umgekehrt, aus welchem Grund wir keine brauchen“, argumentierte Maier.

Das sah Dr. Ekkehard Schippers (Würzburg) ganz anders: „Ich rate dazu, hier den aktuellen Leitlinien zu folgen, die eine grundsätzliche Antibiose bei normalem Risiko nicht empfehlen.“ Auch die Empfehlungen der KRINKO hätten aus Sicht der evidenzbasierten Medizin kaum mehr als den Status einer Expertenmeinung. Schippers empfahl eine routinemäßige Antibiotikaprophylaxe nur bei Risikopatienten wie immunsuppresierten oder extrem adipösen Patienten. „Ein Raucher ist für mich noch kein Riskopatient.“ In Anbetracht der schieren Masse von Single-Shot-Antibiosen, die bei einem routinemäßigen Einsatz verabreicht würden, mahnte Schippers zur Zurückhaltung: „Europaweit werden jährlich eine Million Leistenhernienoperationen durchgeführt. Heißt das auch eine Million Single-Shots? Darüber müssen wir doch nachdenken!“ Er verwies auf die Niederlande, in denen es trotz eines sehr restriktiven Einsatzes von Antibiotika dennoch nur sehr niedrige Wundinfektionsraten gebe.

Eine Handzeichen-Umfrage im Plenum ergab für die deutschen Chirurgen ein anderes Bild: Etwa 40 Prozent meldeten sich auf die Frage, ob sie bei endoskopischen Leistenhernieneingriffen prophylaktisch Antibiotika verabreichen. Bei einer offenen Lichtenstein-Operation greifen demnach sogar etwa die Hälfte auf die Antibiotikaprophylaxe zurück. Und dennoch kamen aus dem Plenum auch kritische Stimmen: „Das MRSA-Problem nimmt derart an Fahrt auf, dass wir die Antibiotikaprophylaxe mit Single-Shots auch nicht aus Angst vor mediko-legalen Konsequenzen leichtfertig einsetzen sollten. Hier siegt die Angst über die Volksgesundheit!“ An dieser Stelle widersprach Maier: „Nicht Single-Shots verursachen Resistenzen, sondern die prolongierte Antibiotikaprophylaxe von mehr als 24 Stunden, wie sie in 69 Prozent der Fälle durchgeführt wird.“

Der Mikrobiologe Priv.-Doz. Dr. Reinhard Hoffmann (Augsburg) gab Maier in diesem Punkt Recht: „Eine Prophylaxe von länger als 48 Stunden postoperativ senkt nicht das Infektionsrisiko, steigert aber das Resistenzrisiko.“ Hoffmann gab aber auch zu bedenken, dass eine prolongierte Antibiotikaprophylaxe die Darmflora beeinträchtige und damit das Risiko einer Infektion mit Clostridium difficile erhöhe. Bereits bei einer Single-Shot-Antibiose liege dieses Risiko bei 0,5 Prozent, gelegentlich nähme die Durchfallerkrankung auch einen schweren bis hin zu lebensbedrohlichen Verlauf. „Hier muss man genau abwägen zwischen dem Risiko einer beherrschbaren Wundinfektion ohne Antibiotikaprophylaxe und dem Risiko einer möglicherweise schweren Infektion mit C. difficile infolge einer Antibiotikaprophylaxe“, betonte Hoffmann.

Der Mikrobiologe plädierte daher für einen zurückhaltenderen und leitliniengerechten Einsatz von Antibiotika: „Weniger ist hier mehr!“ Zugleich erinnerte er daran, dass auch andere Faktoren wie ein hoher Lärmpegel im OP oder häufiges Türenöffnen und Personenwechsel die Wundinfektionsrate nachweislich erhöhen: „Wir sollten also auch an die Disziplin des OP-Personals appellieren.“

Aktuelles | Über den BNC | Bundeskongress | Für Patienten | Presse | Landesverbände | Mitgliederbereich | Partner | Veranstaltungen | Praxisbörse | Chirurgensuche | FAQ für Ärzte | Kontakt Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V. © 2014 | Impressum | Datenschutzhinweise | Design & Umsetzung: zollsoft GmbH